Stuttgarter Garagenflaneur

By ph2urban

Bergab auf der Libanonstraße in Stuttgart Richtung Schwarenberg, auf der linken Seite herrscht Langeweile und rechts dicht hintereinandergeparkt Abwechslung pur. Alle fünf Meter eine neue Farbe, neues Außen gibt es zu bestaunen und auch Kleinigkeiten zu entdecken. Jedes Auto gibt es mittlerweile in zigfacher Ausführung. Ganz individuell lassen sich auf der immer gleichen Plattform Sitze, Knöpfe und PS zusammenstellen. Nicht nur der potenzielle Autokäufer ist mit Schauen beschäftigt. A3, A4, C3, 840, 323, E230, B180 mit Leder, Stoff oder Velour, Bordcomputer, Drüsen, Düsen oder andere technische Rafinessen. Da ist Baseball nen Klacks dagegen und die Stadt ne langweilige Kuh, du Daimlermetropole.

Ganz anders auf der linken Seite die olle Stadtkuh: Haus, Eingang. Haus, Eingang, angepasst und eingefügt bis zur totalen Zucht Hie und da hängt noch eine Deutschlandfahne, ein Blumentopf. Die Pastelltöne wechseln sich ab. Bloß nicht auffallen. Putz statt Lack. Garagen gibts in Stuttgart im EG. Statt Schaufenster, Rolltore. Also bitte öffnen und verglasen. Das wäre besser als die serielle Langweile in Putz rosé. Windowshopping heißt es wohl auf englisch. Hier ist der Parkstreifen das Museum und das Blech, die heilige Kuh. Selbst auf dem stillen Örtchen sollte eine Zeitung warten, das Radio in der Küche läuft und der Fernseher sowieso. Wenn man sich erstmal an Ablenkung gewöhnt hat, jeden Montag meditiert und im Büro nur auf eine Topfpflanze glotzt, dann möchte man doch bitte von der Stadtkuh unterhalten werden. Es müssen nicht die Nerven flattern, obwohl das doch ein guter Kick wäre, besser als am Wochenende sich mit Gummibändern in die Tiefe zu stürzen. Blasiert sind doch die in der Stadt Stuttgart schon lange nicht mehr, so leer ist es da geworden. Soziale Phobien beherrschen den Stadtbürger. Versteckt auf dem leeren Bahnhof huscht das Männchen von Pfeiler zu Pfeiler und schnell in den hintersten S-Bahn Wagon. Wie eine Sanduhr die auf der öffentlichen Seite schon ganz leer gelaufen und der Sandberg in der privaten Wohnung liegt, ist Stuttgart da draußen so empty und nur geteert. Auch am Boden keine Sondermeldungen. Da lob ich mir den Berliner Schweinbauch, umschwärmt von kleinen Pflasterköpfen. Das schlimmste was einer Stadttapete passieren kann, ist Vollbeschäftigung und geregelte Arbeitszeiten, die ich allen wünsche beim Daimler oder Bosch. Aber nicht nur die Menschen füllen den Raum, auch die Häuser an der Straße reizen das Auge. Baustellen sind schon was wert. Also doch eine Sehnsucht nach der Sandbüchse. Jetzt ist die Ampel auch noch rot. Es stinkt nach partikelfreiem Diesel. Stuttgart macht so müde, oder ist es das Klima? Meiner Berliner Exilnase fehlen die feinen Salzkristalle, die es im Nordosten immerhin von der Ostsee bis zur Krummen Lanke schaffen.

Schlagworte: , , , , ,

Eine Antwort schreiben