Die Suchmaschine ist blind und der suchende Eingeber an das Alphabet der Tastatur gebunden. Wörter sind Zahlen und jede Bilddatei braucht eine Verbindung zu Wörtern, um im Internet auffindbar zu sein. Das Geben eines Dateinamens ist die einfachste assoziative und kategorisierende Handlung. Der Bildtitel ist die erste Brücke vom Bild zum Wort. Es steht 1:1. Der Dateiname ist vielleicht das kürzeste Gedicht oder der beste Witz. Schon das Vergeben des Dateinamens ist lustig oder dramatisch, lyrisch oder kriminell und ein Versuch dem Bild einen Sinn zu geben oder ihn zu überprüfen. Dabei kann der Autor kurz vom Bildschirm aufschauen, nachdenken, assoziieren und für diese Leistung ein Gefühl der Erhabenheit haben oder sich einfach über diese kurze, kreative Leistung freuen. Oder er ist Experte und wählt den Bildtitel in Bezug auf ein selbstentworfenes oder vorgegebenes Kategoriegerüst. In der Regel versucht der Autor sein Werk auffindbar in einem gewählten Kontext zu machen, entweder nur für eine ausgewählte Gruppe Leser, die eine gemeinsame Sprache, Hobby oder Verwaltungseinheit teilt oder er dichtet für die ganze weite Welt. Die Wahl des Titels soll das Bild im Textmeer sichtbar machen. Die Namensgebung der Datei ist eine digitalarchaische Ur-Schöpfung, die ihre wollenden Wurzeln wohl im menschlichen Bedürfnis nach beschreibenden Lauten hat, also der menschlichen Bürde, Beine zu haben, beweglich zu sein und dem Artgenossen das hinter seinem Rücken liegende oder einen Traum beschreiben zu müssen, ihn Teil haben zu lassen am erlebten und für ihn verpassten Realen oder Geträumten.
Täglich schreiben wir erhellende Kurzgedichte für unsere Bilder. Aber die Entscheidung fällt uns schwer das richtige Bonmot für das Jaypeg, Tiff oder Photoshopdokument zu finden. Der Autor ist beschränkt auf ein Format, auf eine Zeile, einen Sinn. Die eine Brücke reicht nicht aus. Tagging, das ist eine komplexere Form des digitalen Dichtens und Beschreibens und hat die Eigenschaft der vielen Namen, nimmt uns die Entscheidung ab den alleinbedeutenden Begriff wählen zu müssen und befreit uns von der Suche nach der richtigen Kategorie. Tagging ist eine coole Form von Autorenschaft. Als eine Weiterentwicklung der einfachsten Form des Namensgebens, optimiert das Tagging die zukünftige Auffindbarkeit als Werk am Werk.
Jetzt ist der digitale Bildautor befreit und verbunden, verlinkt mit anderen Werken und Autoren. Tagging ist eine künstlerische, kreative und soziale Praxis. Befreit vom wissenschaftlichen Kategorisieren kann er erzählerisch beschreiben. Eine flache Hierarchie der Begriffe. Kehrwerte der Abbilder.
Tagging ist ein frei assoziativer Vorgang. Die großen Bildportale im Internet wie flickr.com, panoramio.com, die sozialen Netzwerkseiten wie myspace.com und facebook.com oder blogging-Programme bieten dem Autor automatisierte Nutzeroberflächen zum Taggen, fordern ihn auf zu assoziieren, den Dingen einen Namen zu geben und so auch die Welt neu zu sehen. In dieser Benutzerdichte ist dies eine Mobilisierung der aktiven Wahrnehmung und kreative Neuschöpfung, eine Kunstform, die die Wahrnehmung der Umwelt verändert.
2.August 2008/Stuttgart/ph.urban
Schlagworte: 1:1, assoziieren, Dateinamensgebung, digitalarchaische Ur-Schöpfung, digitalen Dichten, digitaler Bildautor, Kategorisieren, Kehrwert, Mobilisierung der aktiven Wahrnehmung, soziale praxis, tag, tagging
